Bericht vom SichTRaum-Auftaktwebinar am 23. März 2020

Am 23. März 2020 fand die Auftaktveranstaltung des Netzwerkes SichTRaum – Sicherheit und Technologie im Weltraum als Webinar statt. Das Format wurde kurzfristig als Webinar veranstaltet, nachdem die Corona-Krise die Durchführung des eigentlich geplanten Workshops in Duisburg verhindert hatte. Neben dem Koordinationsteam fanden sich elf weitere Mitglieder des Netzwerks ein. Trotz Absagen aufgrund familiärer Verpflichtungen, technischer Schwierigkeiten und Terminüberschneidungen waren damit mehr als die Hälfte der Netzwerkmitglieder anwesend.

Nach der Begrüßung durch das Koordinationsteam folgte eine Vorstellungsrunde, bei der die Anwesenden ihren fachlichen Hintergrund und ihre Arbeit zu Weltraumthemen vorstellten. Die große Bandbreite disziplinärer Hintergründe offenbarte ein ebenfalls äußerst breit gefächertes und heterogenes Betätigungsfeld. Neben ForscherInnen aus der zahlenmäßig stark vertretenen Politikwissenschaft nahmen auch WissenschaftlerInnen aus der Geografie, der Physik, den Science and Technology Studies und der Rechtswissenschaft teil.

 

Ziele des Netzwerks

Daniel Lambach stellte einführend die Hintergründe für die Schaffung des Projektes vor und präsentierte im Anschluss die Ziele des Netzwerks. In einer ersten Plenumsdiskussion wurden die Ziele wohlwollend aufgenommen und von den TeilnehmerInnen Schwerpunkte hervorgehoben und Ergänzungen formuliert.

Einer dieser Schwerpunkte ist die Erklärung gegenwärtiger Veränderungen, die sich seit einigen Jahren in der Raumfahrt abzeichnen und unter den Stichworten Militarisierung, Kommerzialisierung und Demokratisierung zusammenfassen lassen. Die Aufgabe des Netzwerkes sollte sein, über das Offensichtliche hinaus die zugrundeliegenden Prozesse fachwissenschaftlich zu reflektieren und auf diese Weise in einen größeren Kontext einzuordnen.

Ein anderer Schwerpunkt betraf die Vermittlung von Weltraumthemen in Lehrformaten, zu dem mehrere Mitglieder den Wunsch nach Austausch und Zusammenarbeit äußerten. Damit verbunden ist auch die Unterstützung von AbsolventInnen und dem wissenschaftlichen Nachwuchs in der Planung einschlägiger Karrierewege. Dies stellt nur eine Facette der unzureichenden Vernetzung und Organisation der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Thematik dar und betrifft in einem größeren Rahmen auch die Schwierigkeit für PraktikerInnen in Politik, Wirtschaft und der Zivilgesellschaft, den Medien und auch bei den BürgerInnen an wissenschaftliche Einschätzungen zu gelangen.

Einstimmigkeit herrschte darin, dass es dringlich sei, kompetente wie auch kritische Stimmen zur deutschen Raumfahrtpolitik zu erhalten, am besten aus multidisziplinärer Perspektive. Es gibt bereits entsprechende Institute in anderen Ländern, für die deutsche Raumfahrtpolitik lässt sich das nicht sagen. Diese Lücke könnte das Netzwerk auffüllen.

 

Thematische Schwerpunkte

Dass im praktischen Feld diese Erkenntnisse gefragt sind verdeutlichte auch das Grußwort, das Prof. Dr. Kai-Uwe Schrogl (ESA) an das Netzwerk richtete und in dem die zunehmende Versicherheitlichung des Weltraums kritisiert und eine Unterscheidung zwischen ‚space security‘ und ‚space safety‘ angedeutet wurde. Das Grußwort sowie eine Zusammenfassung der Statements der Mitglieder durch Arne Sönnichsen offenbarte eine Vielzahl von möglichen Themenfeldern, mit denen sich das Netzwerk potentiell auseinandersetzen könnte.

Prominent diskutiert wurde der Wandel von ‚Classic Space‘ (auch als ‚Old Space‘ bezeichnet) – gemeint ist der Jahrzehnte lang dominante modus operandi der Raumfahrt, bei dem vor allem die Nationalstaaten und ihre Weltraumagenturen die Raumfahrt vorantrieben. Mit dem Aufstieg neuer kommerzieller Akteure (‚New Space‘) kommt hier Bewegung in die Raumfahrt und tradierte Organisationsmuster werden hinterfragt. Dabei gab es unterschiedliche Positionen, ob die Einbindung privater Akteure militärische Eskalationsrisiken eher eindämmen oder eher befeuern.

Deutlich im Mittelpunkt steht damit auch eine Differenzierung der großen Themenfelder ‚security‘ und ‚safety‘. Diese Begriffe sind im thematischen Kontext keineswegs trennscharf, wie ein Mitglied erklärte. Im Feld wird ‚security‘ mit einer schadhaften Intention verbunden und in militärischen Kreisen verwendet. Von ‚safety‘ wird dagegen tendenziell im Kontext von Regeln zur Abwendung von Risiken gesprochen.

Ein positiver Ansatz, der beide Begriffe anspricht, arbeitet mit dem Begriff der ‚responsible use‘, also dem verantwortungsvollen Umgang mit dem Weltraum, wie ein Mitglied ergänzte. Dies beinhaltet Governance-Mechanismen und Verfahren, die darauf abzielen, sich ausweitende militärische Eskalationsrisiken (im Sinne der ‚security‘) zu verhindern und an anderer Stelle eine sichere Nutzung des Weltraums (im Sinne der ‚safety‘) sicherstellen sollen – man denke hier sowohl an Fragen des Space Traffic Management sowie der Vermeidung und Beseitigung von Space Debris (Weltraummüll). ‚Responsible use‘ hat jedoch auch eine weitere, grundsätzlichere Dimension, die Begriffe wie Legalität und Souveränität berühren. Der Ressourcenabbau im Weltraum etwa, den verschiedene New Space-Akteure mit Unterstützung der US-Regierung und Luxemburg seit einigen Jahren aktiv verfolgen, berührt viele dieser Dilemmata.

Dass der Weltraum stets auch populärkulturell gedeutet wird, sich darin Fantasie, Vision und auch klare nationale wie auch wirtschaftliche Interessenskalküle vereinen, wurde auch von mehreren Mitgliedern in der Debatte reflektiert. Die Beschäftigung mit dem Weltraum als Sehnsuchtsort oder wahlweise als Bedrohung ist zentraler Bestandteil der Science Fiction seit über 100 Jahren. Dass Narrative und Visionen vom Weltraum eine Rolle für die heutige Raumfahrt spielen lässt sich nicht leugnen – Milliardäre wie Elon Musk oder Jeff Bezos argumentieren gerne mit visionären Ideen, während ESA-Astronaut Alexander Gerst die Raumfahrt gewissermaßen in die deutschsprachigen Wohnzimmer geholt. Dass die Populärkultur zur Raumfahrtbegeisterung wichtig ist, lässt sich nicht abstreiten und taugt sicherlich auch als Ansatzpunkt in der Lehre. In wissenschaftlicher Betrachtung wird besonders interessant, wie diese Form der visuellen Politik auch dazu beiträgt, Wissen über den Weltraum zu konstruieren und zu verbreiten.

 

Nächste Schritte

Im Anschluss an die Diskussion wurden die nächsten Schritte vereinbart. Weil der Verlauf der Corona-Krise derzeit noch offen ist, kann zum jetzigen Zeitpunkt keine Entscheidung hinsichtlich der beiden geplanten Präsenzworkshops getroffen werden. Als nächstes wird das Koordinationsteam die Diskussionen des Workshops in einem kurzen englischsprachigen Konzeptpapier zusammenfassen, das intern zur weiteren Abstimmung vorgelegt wird. Außerdem wurden alle Mitglieder aufgerufen zu überlegen, auf welchen Konferenzen und Events das Netzwerk präsent sein sollte und in welchem Rahmen welche PraktikerInnen hinzugezogen werden sollen. Außerdem sollen zeitnah die fehlenden Angaben der Webseite und des Literaturkanons ergänzt und der Blog durch regelmäßige Beiträge aus der Kreis der Beteiligten befüllten werden.

Auf produktive Zusammenarbeit!

 

Arne Sönnichsen, M.A.

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